Pressespiegel BIG 25 Berlin 2009

BIG 25 Berlin: Zwei verpasste Weltrekorde, ein "Verkehrschaos" und der "rbb" - Anmerkungen zum 25 km Lauf in Berlin am 10. Mai 2009 von Helmut Winter

Während im letzten Jahr die ARD aus der Live-Übertragung des Berlin-Marathons ausstieg (nur der „rbb“ zeigte eine mit viel Aufwand in Szene gesetzte Sendung mit dem tollen Weltrekord von Haile Gebrselassie), übertrug die englische BBC den London Marathon auch in diesem Jahr wieder gleichzeitig auf drei verschiedenen Kanälen (Männer, Frauen, Übersicht) mit großem Aufwand und hoher Sachkompetenz.

Der 25 km Lauf vom Olympischen Platz durch die Berliner Innenstadt und zurück ins Olympiastadion, zum zweiten Mal organisiert von „Berlin läuft“, war ein großer Erfolg. Mit 9871 Anmeldungen und herausragenden sportlichen Leistungen scheint man mit dieser Traditionsveranstaltung „über den Berg“ zu sein, nachdem in den Vorjahren der rasante Anstieg der Läuferfelder bei dem einen Monat zuvor stattfindenden Berliner Halbmarathon für den 25 km Lauf einen merklichen Teilnehmerschwund bedeutete.

Dabei kann nur bedauert werden, dass der Coup der Verpflichtung einer der Topstars der internationalen Laufszene, Paul Tergat, durch eine kurzfristige Verletzung sportlich nicht umgesetzt werden konnte. Paul reiste aber trotzdem nach Berlin und bereicherte auch ohne aktive Teilnahme die BIG25.

Beeindruckend sein Engagement für den Nachwuchs, das er nicht als eine lästige Pflichtübung empfand; keine Frage, er und sein langjähriger Kontrahent Haile Gebrselassie sind auch mit ihrem Auftreten in der Öffentlichkeit einmalige Persönlichkeiten.

Die wesentlichen Informationen über diese Veranstaltung sind bereits an diversen Stellen berichtet worden, so dass wir uns hier auf Anmerkungen beschränken. Und die beginnen mit dem sportlichen Ablauf der BIG25, der durch die Ankündigung eines Angriffs auf den Weltrekord und die Absage von Paul Tergat essentiell beeinträchtigt schien. Was allerdings die „Ersatzleute“ auf dem Berliner Pflaster vollführten, war Straßenlauf der Extraklasse am steten Limit zum Weltrekord.

Matthew Koech (KEN), schon in den Vorjahren mit akzeptablen Leistungen dabei, legte nach 10 km einen mutigen Sololauf hin, der erst nach 23 km über den Durchgangszeiten für den bestehenden Weltrekord auf der gleichen Strecke (Paul Kosgei 1:12:45, 2004) lag. Bereits nach 2:46 für den ersten km deutete sich ein Tempolauf an, dem nicht nur der designierte Schrittmacher bereits nach weniger als 4 km zum Opfer fiel. Bei 5 km lag man mit 14:09 bereits in der Endzeit um 2 Minuten unter dem Weltrekord, wie auch bei 10 km in 28:19. Dazwischen lagen völlig erratische Temposteigerungen (7. km in 2:49, 8. km in 2:44), die sich im Schlussteil rächen sollten.

Bei 15 km in 42:50 war Koech auf sich allein gestellt, aber immer noch 50 sec schneller als die Durchgangszeit beim Weltrekord. Auf dem Weg zur 20 km Marke (57:45) gab es die ersten km-Splits über 3 Minuten, und der Gegenwind und die Steigungen zum Theodor-Heuss-Platz sowie zum Stadion führten zu einer weiteren Reduzierung des Tempos. Nach 3:17 für den 21. km war Koech zwar beim Halbmarathon in 1:01:20 immer noch 14 sec unter dem Weltrekord-Split, doch der Rekord war da schon fast außer Reichweite.

Koech lief nun keinen km mehr unter 3 Minuten, verlief sich kurz bei 23 km und in den Katakomben des Stadions, so dass selbst der letzte km hinunter auf die blaue Bahn nur in 3:03 zurückgelegt wurde. Auch das Überholen vieler Teilnehmer des 10 km Laufs kostete Zeit, so dass die Siegerzeit von 1:13:24 nicht ganz die tolle Leistung des Kenianers reflektiert. Der amtierende Marathonweltmeister Luke Kibet (KEN), noch kurzfristig verpflichtet und bei dieser Veranstaltung kein Unbekannter (Zweiter 2004 in 1:12:51, Sieger 2005) enttäuschte als Dritter mit 1:15:35. Nach dem Sieg im Hitzelauf bei der WM 2007 in Osaka und einem Überfall auf ihn während der Unruhen in Kenia scheint er nicht mehr den Anschluss an sein altes Leistungsniveau zu finden.

Etwas unerwartet war das Rennen der Frauen fast noch hochkarätiger. Vorjahressiegerin Peninah Arusei (KEN) gewann nicht nur zum dritten Mal diesen Lauf, sie „pulverisierte“ mit 1:22:31 ihren Streckenrekord um über 1 1/2 Minuten. Nahezu aberwitzig das Tempo der Frauen zu Beginn, 3 Minuten für den ersten km, 6:07 bei 2 km, ca. 15:20 bei 5km. Bei 7 km in 21:38 lagen Arusei und zwei Frauen (Cheptonui, Zegergish) kurz dahinter auf Kurs von 1:17, 5 Minuten unter dem Weltrekord von 1:22:13 von Noguchi (JPN) beim Berlin Marathon 2005.

Die 10 km-Marke passierte Arusei in 31:18, so schnell war sie diese Distanz noch nie gelaufen, und bei 15 km (48:02) lag sie immer noch auf Kurs von 1:20. Dann wurde sie aber deutlich langsamer (ca. 3:40 für den 21. km mit dem Anstieg zum Theodor-Heuss-Platz) und war bei der Halbmarathonmarke in 1:09:17 nur noch knapp unter Weltrekordkurs. Zum Olympiastadion verlor sie weiter an Zeit und erreichte dann deutlich über dem Weltrekord in der tollen Zeit von 1:22:31 das Ziel, nur 5 Sekunden hinter dem besten deutschen und Berliner Läufer Lennard Sponar (BSV 92).

Dies ist eine der schnellsten über diese Distanz erzielten Zeiten, wie es auch der neue kenianische Landesrekord belegt. Herausragend ferner die erst 20jährige Furtuna Zegergish (ERI), die auf dem Weg zum Landesrekord in 1:22:57 alle ihre Hausmarken deutlich verbesserte.

Neben diesen sportlichen Leistungen der Extraklasse erlebte die Veranstaltung eine Zunahme an Teilnehmerzahlen, die durch 6678 Finisher über die 10 km und 25 km ausgewiesen ist, wobei die Zahlen über die 25 km denen des Vorjahres entsprachen, über 10 km konnte man sich jedoch um über 100 % steigern. Ferner gab es noch einen Kinderlauf über ca. 2km, von dem keine Zahlen vorliegen.

Somit sah Berlin ein weiteres großes Fest des Laufsports, vom dem allerdings die öffentlich rechtlichen Medien der Stadt nur sehr bedingt Notiz nahmen. Der Landessender „rbb“ (Rundfunk Berlin Brandenburg) kümmerte sich im Rahmen seiner Berichterstattung in der Abendschau fast ausschließlich um ein vermeintliches Verkehrschaos um den Lauf herum, von dem er allerdings auch fast täglich zu den Hauptverkehrszeiten berichten könnte.

Vom sportlichen Ablauf war kaum etwas zu erfahren (Am Ende des Berichts: „Im übrigen gewann …. ). Und am späten Abend im „Sportplatz“ (Die Sendung müsste eigentlich in „Fußballplatz“ umbenannt werden) wurde immerhin das Tätigkeitsfeld eines der vielen Helfer gezeigt, ohne deren Einsatz die Durchführung solcher Veranstaltungen nicht möglich wäre.

Auf diesen Bericht, in dem der Sport gleichfalls am Rande vorkam, musste man fast 40 Minuten der 45 Minuten Sendezeit warten. Zuvor wurde der Fußball aller drei Ligen und dessen regionale Relevanz zum wiederholten Mal am Wochenende durchgekaut, und ein international kaum zweitklassiger Fußballprofi minutenlang in einem wenig informativen Interview präsentiert.

Diese Form sehr einseitiger Berichterstattung wiederholt sich in gewohnter Regelmäßigkeit, nach den Prinzipen der sich selbst erfüllenden Prophezeiung gibt man von den Sendeanstalten vor, dem Quotendruck und den Interessen der Majorität zu folgen, lässt dabei unbeachtet, dass der Status Quo auch Resultat einseitiger Berichterstattung ist.

Tausende (aktive!) Läufer im Leistungs- und Breitensportbereich und noch mehr Zuschauer im Stadion und an der Strecke sind gleichfalls eine Klientel, deren Interessen insb. öffentlich rechtliche Einrichtungen respektieren und bedienen sollten. Wenn dabei Events im Laufsport wie auch die BIG 25, die nur einmal im Jahr stattfinden und Sport auf höchstem internationalen Niveau bieten, von den Medien entweder kaum oder unangemessen präsentiert werden, kommt man dem offiziellen Auftrag einer ausgewogenen Berichterstattung über alle Belange der Gesellschaft nicht nach.

Es gibt neben den wenigen Sportarten, die aktuell für die Medien interessant sind und die im übermäßigen Detail präsentiert werden, weitere Disziplinen, die von vielen Menschen aktiv betrieben werden und sich gleichfalls spannend in Übertragungen umsetzen lassen. In Deutschland sitzt man diesbezüglich sicher nicht in der ersten Reihe (ARD) und hält sich mehr als nur ein zweites Auge zu (ZDF). Da aber die Präsenz in den Medien essentiell für die Sponsoren ist, hat sich diesbezüglich für die Leichtathletik und insbesondere den Straßenlauf eine Entwicklung vollzogen, die man nur mit Besorgnis registrieren kann.

Während im letzten Jahr die ARD aus der Live-Übertragung des Berlin-Marathons ausstieg (nur der „rbb“ zeigte eine mit viel Aufwand in Szene gesetzte Sendung mit dem tollen Weltrekord von Haile Gebrselassie), übertrug die englische BBC den London Marathon auch in diesem Jahr wieder gleichzeitig auf drei verschiedenen Kanälen (Männer, Frauen, Übersicht) mit großem Aufwand und hoher Sachkompetenz.

Hierzulande agiert man wesentlich bescheidener und kann schon froh sein, wenn überhaupt noch in den regionalen Kanälen berichtet wird. So konnte man sich am letzten Wochenende über die Ansetzung einer fast einstündigen Live-Sendung des WDR vom Ruhr-Marathon aus Essen freuen. Die Übertragung glich aber mehr der Berichterstattung über einen Trachtenumzug (die werden überraschend häufig in voller Länge übertragen) als über eine Sportveranstaltung.

Auch die Verantwortlichen in den Funkhäusern sollten einmal überdenken, ob es wirklich dem Gebührenzahler und „Kunden“ zumutbar ist, wenn der Hauptmoderator wiederholt herausstellt von der Materie eigentlich „keine Ahnung“ zu haben. Vielfältige Erfahrungen und Untersuchungen belegen, dass die Mitglieder der Läufergemeinde über einen überdurchschnittlich hohen sozialen Status und Ausbildungsstand verfügen.

Es sollte somit ausreichend Potential vorhanden sein, Einfluss zu gewinnen, um diese Zustände in der Berichtstattung der Medien zu ändern.

Es wird höchste Zeit!

Helmut Winter

Quelle: http://www.germanroadraces.de/24-0-10252